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Comer See PDF Drucken E-Mail
Die ideale Ergänzung von Reisen und Speisen findet statt, wo Cosima Wagner geboren und Mussolini erschossen wird, Adenauer Urlaub macht und die molekulare Küche zu Hause ist

Comer See, welcher Klang und Traum, welcher Rang und Raum unter den schönen Flecken unserer Erde! Hier spielen sich weltbekannte Lebens- und Liebesdramen ab, hier werden Frauen und Männer der Weltgeschichte geboren, hierher sehnen sich Maler, Musiker und Millionäre. Und so ist denn auch das Paradies zwischen Como und Colico bewohnt von geldreichen Mailändern, besucht und bestaunt von noch reicheren Amerikanern und besungen von geist-reichen Briten und Deutschen. Eigentlich alles präsentiert sich dem Gast hier ideal: Ein Schiff nach dem anderen legt in den vielen Häfen an und bringt die Passagiere an jeden Punkt des Sees. Auf Autofähren hat man nie lange zu warten. Die Spazierwege gehören zu den Kostbarkeiten unseres Lebens, exklusive Schmuck- und Schuhgeschäfte verführen die Damen.

Von Rudolf Reiser 
Malerische Winkel laden zum Verweilen und Lesen ein. Man zapft vorzügliches Bier, hergestellt in Italien, und hört spannenden Geschichten zu. Das Land am Comer See ist das Gebiet der Ereignis- und Geheimnisse. Man erzählt sich wilde Storys über Kaiser und Schönheitsköniginnen, über Tenöre und Tyrannen, so auch über die letzten Liebeshändel Mussolinis (*1883 Predappio/Forli).  Dieser versucht im April 1945 mit seiner jungen Freundin Clara Petacci,  in die Schweiz zu fliehen. Dort will man sich wieder ein schönes Leben machen. Man ist schon am Comer See und damit dem Ziel sehr nahe, da spürt sie am 27. April eine Partisanengruppe in Dongo auf, fesselt sie und transportiert sie südwärts nach Mezzegra bei Cadenabbia. Aus Angst, der Duce könnte abermals gewaltsam befreit werden,  macht man hier kurzen Prozeß und richtet ihn und die unschuldige Clara am 28. April hin.

Kaiserliches Como
Wahrscheinlich sollte die Exekution in Como stattfinden, wo Caesar (*100 vor Christus),  der Mussolini so gerne geworden und gewesen wäre, als Gründer (Verleihung des römischen Bürgerrechts) verehrt wird. Die Stadt (100 000 Einwohner) am gleichnamigen See (Tiefe 410 Meter) wird lange vor Christus von Vergil (*70 Andes bei Mantua) als Larius maximus. gepriesen. So ein Prädikat (maximus) beansprucht in dieser Zeit der Göttervater persönlich. Um 24 nach der Zeitenwende erblickt dann einer der ganz Großen in Como das Licht der Welt: Plinius Secundus. Er ist der erste Mensch, der die Natur nach einem festen Ordnungsprinzip darstellt. Seine Naturalis historia (37 Bücher) gehört zur Weltliteratur. 79 kommt er beim Vesuv-Ausbruch ums Leben. Der gleichnamige Neffe wird 61/62 in Como geboren. Sein Briefwechsel mit Kaiser Traian (* 53 Italica/Sevilla) gewährt uns einen tiefen Einblick in die Auseinandersetzung mit dem noch jungen Christentum, das einmal die Welt erobern soll.
Nach dem Tod des jüngeren Plinius (um 113) wird die Vaterstadt nochmals befestigt. Die Porta Praetoria erhält Oktogonaltürme. Die Zahl acht bleibt in der Stadt noch lange ein Zeichen für die Kaiserwürde, und die Bauleute aus Como wissen um ihre Bedeutung noch im 12. Jahrhundert. Friedrich Barbarossa hält denn auch seine schützende Hand über die Stadt, die dann aber unter die Herrschaft Mailands gerät. Im 19. Jahrhundert ist man unversehens wieder Kaiserstadt, über die jetzt der Habsburger Franz Joseph (*1830 Wien) gebietet. 1859 freilich geht Como nach dem Italienischen Einigungskrieg (Risorgiomento) endgültig in Italien auf.

Volta di Como
Wer heute durch diese elegante Stadt bummelt, sieht unter einem ewig blauen Himmel viel Grün, braungebrannte Menschen und bis weit in das Frühjahr weiße Berggipfel, betuchte Gäste aus allen Kontinenten und leicht bekleidete Italienerinnen in exklusiven Geschäften, alte Paläste mit Stuckadlern und -schwänen und lebende Plaggeister in Form von Tauben, teure Boutiquen und Bettlerinnen in zartem Alter. Millionäre aus Übersee geben den Unterschichtkindern schon mal eine besondere Note. Die Stadt wimmelt von Gästen aus Japan und Australien, Amerika und Skandinavien.
    Como ist schon immer eine „grosse und volksreiche Handels-Stadt" (Zedlerlexikon, 1733), ein internationaler Ort der Kaufherren und Künstler. „Der Fremde wird hier freundlich geduldet", schreibt 1913 Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse (*1877 Calw). Er fährt fort: „Schon hier hat das Leben der Gasse italienischen Zauber, singende Handwerker arbeiten im Freien, und schöne, leichtfüßige Mädchen und Frauen bewegen sich in den hübschen Straßen wie wohlbeschaffene Vögel in ihrem Walde."
    Heute führen die Frauen aus Como ihre Gäste durch die schöne Heimatstadt. Wir hören in den engen und sauberen Gassen    kurz einer Fremdenführerin zu: In diesem Haus wird 1851 der Pflanzenzüchter Adolf von Liebenstein de Zsittin geboren, in jenem stirbt 1833 Nikolaus von Esterházy von Galántha, für den Beethoven die C-Dur-Messe komponiert. Goethe gelangt hier am 28. Mai 1788 an, nimmt Kaffee und Limonade zu sich, dann Brot und Rettich. Er hat eben sein römisches Liebchen verlassen und fürchtet sich nun im Schiff vor seiner Verflossenen, der Freifrau von Stein.
    Beim Bummel durch Como begegnet man natürlich auch dem größten Sohn der Stadt in der Neuzeit: Alessandro Volta (*1745). Ihm hat man direkt am See ein Denkmal gesetzt und ein spektakuläres Museum gewidmet. Der weltberühmte Physiker ist der Erfinder des Kondensator. Nach ihm wird die Einheit der elektromotorischen Kraft (Volt) bezeichnet. Und noch ein Großer nennt Como seine Heimatstadt: Benedetto Odescalchi (*1611), der spätere Innozenz XI. Einer der ganz wenigen Päpste mit Vorbildcharakter. Er trägt auch als Pontifex maximus immer dieselbe zerschlissene Soutane, meidet den Jubel der Menschen und teilt nach der Papstwahl seinen Verwandten in der Geburtsstadt schon sehr dogmatisch mit, sie hätten von ihm nicht zu erwarten und sollten somit brav und bieder ihrer Arbeit als Fischer und Finanziers, Händler und Hausfrauen nachgehen.
    Zentrum und Herz der belebten und beliebten Stadt mit den hohen Bergen, dem turbulenten Autoverkehr und einem frequentierten Hafen ist der Dom. Innen wenig erbauend, außen ein Juwel. Der Architekturschmuck mit den Statuen der beiden Plinius reflektiert das antike Heidentum. Wir sehen die Unterwelts-Vasen des Pluto, die Sphinx des Apollo, die Greife des Augustus. Motive, wie sie auch in der nahen Villa Olmo zu bewundern sind. Dort sieht man freilich auch die stets lockende Venus, die hier zwar einen Kopf hat, im Gegensatz zur Marmor-Ausgabe in der Villa Melzi von Bellagio aber auch einen Kleiderschmuck, der den wunderbaren Körper schon in arg keuscher Manier bedeckt und versteckt. Man(n) kann eben auch im Paradies am Comer See nicht alles haben!

Bellagio - die schöne Freude
Damit sind wir schon in Bellagio. Den malerischen Ort hat man einmal die schöne Freude genannt. Die Dichter, die hier länger bleiben und schreiben, anbandeln und lustwandeln, sehen es nicht anders. So Henri Stendhal (*1783 Grenoble) und Percy Shelley (*1792 Warnham/Sussex), der Bellagio gar  „den schönsten Ort der Welt" bezeichnet, weiter Alessandro Manzoni (*1785 Mailand), der einen Roman (I promessi sposi) schreibt, der um Como spielt, und Kasimir Edschmid (*1890 Darmstadt), der meint: „Der Comer See hat an der Punta von Bellagio seinen bemerkenswertesten Ort." Das ist er schon deswegen, weil hier die Villa Serbelloni steht, die eine reiche Geschichte und exzellente Küche hat, in der die besten Süßspeisen und         Salzwasserfische zubereitet werden, kurzum ein Nobelhotel.
    Am 26. März 1898 trifft hier Gerhart Hauptmann (*1862 Bad Salzbrunn/Niederschlesien) ein. Er denkt zunächst nur an eine warme Speise - und seine heiße Liebe namens Anja, die er bald in seine Arme schließen will. Sein erster Eindruck: Ankunft und Abendessen „in dem mit schweren Möbeln und Portieren ausgestalteten düstern Raum standen in einem unerwarteten Gegensatz zu den sonstigen Eindrücken unserer Fahrt". Der Nobelpreisträger preist „den mächtig ausufernden Park der Villa Serbelloni und deren willkommene Atmosphäre". Wir lesen weiter, man werde ausgezeichnet versorgt. Der Kellner schleiche „auf unhörbaren Sohlen" und bringe „getreulich bis lange nach Mitternacht, was wir wieder und wieder zu haben wünschten". Am 11. April kann er endlich  Anja empfangen. Am Comer See gewährt dann dieser Backfisch, was er begehrt. Hauptmann ist inzwischen nach Tremezzo (gegenüber Bellagio) umgezogen. Immer sichtbar: „Villa Serbelloni mit der schönen Halbinsel".

Adenauers Cadenabbia
Diese schöne Aussicht hat auch Konrad Adenauer (*1876 Köln). Von 1957 bis 1966 eilt er regelmäßig nach Cadenabbia (siehe Comer See - Parks).  Manchmal läßt er sich nach Bellagio übersetzen und in der Villa Serbelloni verwöhnen. Das Haus genießt indes Weltruf. Man tafelt in prächtigen Salons und Glasveranden mit Seeblick. Unter bacchantischen Szenen, wie sie uns die Antike so farbig und faszinierend überliefert, und alten Ölbildern servieren die Ober in Livree italienische Spezialitäten. Einiges hat sich natürlich geändert.. So wenn man heute Garnelentartar und Gelbreis mit Tomaten, Ravioli aus frischem Teig mit Krebsfüllung und karamellisierte Störstückchen mit Soja, Haifischflossen, Algen und Fischkraftbrühe serviert, um nur einige Leckerbissen zu nennen. Oder wenn man auf den Wellness-Bereich schaut: Pools, Beauty Farm (Well-being and beauty programmes from one to seven days), Fitness Centre und die Möglichkeit, vom See aus nach Como zu fliegen.

Cucina moleculare
Der Speisekarte entnehmen wir schließlich eine Delikatesse besonderer Art: Ein sieben-gängiges Menü (65 Euro) aus der Cucina moleculare der schöpferischen Köche Ettore Bocchia und Andrea Arienti, deren Name derzeit in aller Munde ist. Was versteht man unter Cucina moleculare? Als Vorspeise sozusagen eine kurze Erklärung. Sieht man einmal von der Schnellgarmethode ab, kocht und brät der Mensch, seit es ihn gibt, seine Nahrung im Wasser, am Herd oder im Ofen. Heute weiß man längst, so gehen wertvolle Nährstoffe verloren. Andererseits die Frage: Wie sonst soll eine Seezunge zur Gaumenfreude werden? Um nun wichtige Grundsubstanzen unserer Lebensmittel zu erhalten, schreiben die Serbelloni-Köche, die mit dem Physiker Davide Cassi von der Universität Parma eng zusammen arbeiten, ein völlig neues Gourmetbuch. Darin kommen Begriffe wie kochendes Wasser, Bratenfett und -öl kaum noch vor, dafür aber Stickstoff, Alkohol und Zucker. Nicht die gesündesten Produkte, denkt man sofort, aber lassen wir uns überraschen.

Drei Beispiele illustrieren die neue Kochart:
***** Kaviar im Ei-Mantel (La cagliata d'uovo al caviale). Die Meisterköche zerschlagen mehrere Eier in der Pfanne und geben dann reinen Alkohol (95%) solange zu, bis eine knetbare Masse entsteht. Aus ihr wird anschließend der Alkohol mit Wasser weggespült. Mit diesem so zubereiteten Ei ummanteln die Köche den Kaviar. Leckerer und lockerer geht es wirklich nicht mehr!

***** Steinbutt im Zucker gekocht (Il rombo assoluto cotto nello zucchero). Das Fischfilet (nicht gesalzen, aber mit einer kleinen Orangenschale bedeckt) ist dick in Lauch gewickelt und wird in einen Topf mit erhitztem Spezialzucker gegeben. Also kein Wasser und kein Fett oder Öl! Nach einigen Minuten nimmt der Koch die Masse heraus, befreit sie von der steinharten Hülle und serviert den Leckerbissen aus dem Meer. Nie hat der Verfasser dieser Zeilen so einen gut zubereiteten Fisch gegessen!

***** Eis im flüssigen Stickstoff (Il gelato all'azotto liquido). Eine Kaffee-Kreme wird am Tisch mit flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad abgekühlt. Kenner behaupten, nie eine bessere Nachspeise serviert bekommen zu haben.

In die Villa Serbelloni von Bellagio zu reisen, um gut zu speisen, lohnt allemal. Prächtig garniert wird das Mahl von einer Kulisse, die unsere Erde nicht mehr oft abgibt. Das spüren auch die Gäste aus nah und fern, das spüren aber auch Chef und Angestellte des Hauses. Hierher strömen die Genießer. Am Comer See verschmelzen eben Raum und Traum.

Informationen:

  • Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt E.N.I.T.: Tel.: 089 533163;
  • E-mail: ; Internet: piuitalia.2000.it
  • Azienda di promozione Turistica: Tel.: 0039 031-3300 120; E-mail: .;
  • Internet: www.lakecomo.com.
  • Grand Hotel Villa Serbelloni, Proprietà Bucher: Tel.: 0039 031 950216;
  • E-mail: .; Internet: http://www.villaserbelloni.it/

Hinweis:

  • Siehe auch: Comer See - Villen und Gärten!

 

 

 


Rudolf Reiser
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