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Am Stiefelabsatz Italiens, der ständig an Stauferkaiser Friedrich II. erinnert, werden aus Trauben, Oliven und Milch Delikatessen gefertigt, die keine Konkurrenz zu scheuen brauchen Fährt man durch Apuliens Olivenhaine, wird man den Eindruck nicht los, daß hier immer noch Faune und Friedrich II. das Land beschützen. Die Hirten wandern mit ihren Herden wie vor Jahrtausenden über weite Weiden, vorbei an den Schlössern des Staufers, über dessen Schäferstündchen man so viel zu erzählen weiß. Gott habe Apulien nicht gekannt, sonst wäre er hier auf die Welt gekommen, behauptet der große Geist des europäischen Mittelalters. Angeblich läßt er sich in Jerusalem zu diesem Satz hinreißen, der uns zweierlei verrät. Erstens ist für ihn auch der Christengott nicht allwissend. Zweitens muß für ihn Apulien das Paradies auf Erden sein. Übergehen wir mit einem gewissen Staunen die erste Feststellung, die der über die Religionen Bescheid wissende Kaiser trifft, und konzentrieren wir uns auf sein Wort: „Mein Apulien". Wir sprechen damit vom Stiefelabsatz, der vom Sporn (Gargano) bis zum Capo Santa Maria di Leuca im Süden reicht. Als „meinen Augapfel" bezeichnet er einmal diesen Küstenstreifen, in dem er jagt und dichtet, forscht und junge Frauen hofiert und verführt.

(Eigener Bericht) - Apulien, italienisch Puglia, ist heute das Land mit Millionen von Olivenbäumen, von denen einige schon tausend Jahre alt sind, also schon stehen, als Friedrich II. (*1194 Iesi) hier den Falken steigen läßt. Ein Großteil des in Italien verbrauchten Olivenöls wird hier produziert. Ernte und Verarbeitung erfordern viele Mühe, behaupten alle, die gute Ware produzieren. Stolz berichtet der im Hinterland von Bari begüterte Graf Spagnoletti-Zeuli, daß seine Produkte auch in Deutschland geschätzt werden. 300 Hektar groß ist sein von den Vätern ererbter Besitz. Er hebt die gesundheits-erhaltende Kraft des Öls hervor, das oftmals den Arzt ersetze. Nicht anders urteilt sein Kollege Sergio Pastore Bovio, aus altem Rittergeschlecht. Die Olive schätze man nicht nur bei Zubereitung leckerer und gesunder Speisen, sondern auch bei der Körperpflege. Auf seinem fast ebenso großen Gut in Sanmichele bei Bari produziert er zusammen mit Ehefrau Daniela und Tochter Marianna ein Wundermittel für die Damen: Cosmetici di Marianna all'olio di Oliva. Angeboten werden die „feuchtigkeitsspendende Gesichtscreme", „Körpermilch" und Sonnenschutzmittel. „Es geht uns um Wohlbefinden und Schönheit unserer Kunden", sagt die Hausherrin. „Die Schönheitsmittel", so fährt sie fort, „entstehen aus der Jahrzehnte langen Erfahrung in der Herstellung von einem besonders wertvollen aus biologischen Oliven gewonnenen Olivenöl, La Casina genannt.
Und so preisen denn zu allen Zeiten die Menschen die Frucht der Gesundheit. Unter ihnen auch Ingeborg Bachmann (*1926 Klagenfurt) in ihrem schönen Gedicht In Apulien:

„Unter den Olivenbäumen schüttet Licht die Samen aus,

Mohn erscheint und flackert wieder,

fängt das Öl und brennt es nieder,

und das Licht geht nie mehr aus."

Oft sind am Stiefelabsatz die Olivenfelder mit weißen Steinmauern umfriedet. Sie weisen weniger auf Grenzen hin als vielmehr auf die Notwendigkeit, die ansonsten fruchtbare Erde von den Steinen zu entlasten. Und so werden sie denn kunstvoll aufgeschichtet und zu einem Wahrzeichen apulischer Landschaft. Zwischendrin immer wieder Schaf- und Ziegenherden! Und so steht die Käseproduktion auf hohem Niveau. Man vernimmt mit Staunen, daß in Apulien 1960 die erste Mozzarella hergestellt wird, Jahrhunderte vorher soll hier die Ricotta kreiert worden sein. Unschlagbar heute der Burrato, eine mit fester Sahne gefüllte Mozzarella. Eine Spitzen-Delikatesse!

Verse des Vergil
„Land Vergils" hat man Apulien einmal genannt. Tatsächlich lebt der große Dichter und Denker, der 19 vor Christus in Brindisi stirbt, in dieser schönen Region. Seine Hirtengedichte (Bucolica) gehören heute zur Weltliteratur. „Pan sorgt für Schafe und Hüter der Schafe", lesen wir darin. Vergil kündigt lange vor Christi Geburt den neuen Heiland an. Er komme als Sohn einer Jungfrau hoch vom Himmel. Die Sünden werden getilgt und die Menschen erlöst. „Auch die Tiere des Feldes werden dir huldigen", lesen wir. Ob man nun die Verse Vergils kennt oder nicht, bei der Reise durch Apulien ist der mit
Eselsohren versehene Pan mit seiner Flöte und den Bocksbeinen allgegenwärtig. Er schaut sogar auf die vielen Besucher des weltberühmten Castel del Monte bei Andria. Neben ihm sein Herr und Freund Bacchus, auch „Liber" genannt, Gott des Weins und Theaters, der Lebens- und Liebeskunst. Der in Córdoba geborene Seneca (*um 4 vor Christus) weiß und schreibt es, und viele Therapeuten sind sich mit ihm einig: „Liber (= der Freie), so heißt ja der Erfinder des Weins, nicht weil er die Zunge löst, sondern weil er das Herz von der Knechtschaft der Sorgen befreit, weil er ihm Lebenskraft einflößt."
Wein, vor allem Rotwein, ist das andere große und großartige Produkt Apuliens. Graf Spagnoletti-Zeuli erklärt, er müsse oft die Zahl der Reben reduzieren, um eine Qualitäts-Ernte zu garantieren. Er selbst baut die Sorte Troia an. Südlich von ihm wächst der Primitivo und unten am Absatz der Negromaro. Und so ist Gott Bacchus, genauso wie in der Antike, heute im Land fast überall anzutreffen. So auf den Fresken der Patrizier- und Wirtshäuser. Im ersten Restaurant der Stadt Canosa tanzen gar seine weiblichen Begleiter, die Mänaden, lustig und luftig bekleidet, auf den Decken. Eingerahmt natürlich von den vielen pompejanischen Symbolen, zu denen Theatermaske und Tyrsos gehören. Tausendfältig begegnet uns dieses Ritual in den über 30 archäologischen Museen des Landes.
Damit sind wir bei den Städten, den Glanzlichtern der Region. Uns wird schwindelig in Polignano, in der Stadt, die auf Grotten steht. Unten das brausende Meer, das seine Wogen tief in die Unterfläche treibt. Man sieht hinab und meint, jeden Augenblick müssen die Häuser hinabstürzen. Wir nennen Molfetta, die Stadt mit einem der schönsten romanischen Gotteshäuser unserer Erde, das von allem Gerümpel der nachfolgenden Zeit befreit worden ist. Nur die spätere Büste des heiligen Konrad von Bayern (*um 1105), der hier bestattet ist, bleibt. Dann Lecce! Beim Anblick des Amphitheaters fallen uns die Raubtierkammern und Sklavenzellen auf, also die Perversitäten der Römer. Da begeben wir uns lieber in das nahe Theater. Die Schauspieler, die dort Stücke von Euripides und Aristophanes aufführen, betreten so einfach die Bühne wie die Zuschauer ihre Stufenplätze im weiten und weißen Halbrund. Im Herzen der Stadt gestaltet heute Antonio de Rinaldis die köstlichsten Figuren von damals (und natürlich auch heute) aus Papiermaché. Sie gehen um die Welt. In seinem Geschäft fehlt es an nichts zwischen Antike und Pater Pio. Viel Schau also! Apulien ist eben auch das Land des Bacchus, zu dessen Ressort neben dem Wein das Theater gehört. Und so gibt denn das Land auch eine Bühne ab für die alten Götterzeichen. Mittendrin der Elefant, den wir an Kathedralen und auf Mosaiken sehen. In Trani und Bari trägt er den Löwen (= Christus), in Brindisi stützt sich auf ihn die biblische Heilslehre und in Otranto (siehe Otranto spezial, das später erscheint) steht er am Anfang der Menschheit.

Die Trulli von Alberobello
Wenige Autominuten entfernt die zwei Alimini Seen (einer mit Meer-, der andere mit Süßwasser), in denen sich köstliche Fische tummeln und an deren Ufer eine reiche Vegetation zu bewundern ist. In der Nähe der Park Alimini Village, ein Ferienparadies mit vielen Zimmern und Suiten mit Balkonen, Gärten und Lauben, einem großen Park, Reit- und Radwegen, einem langen Sandstrand, mit Bars und einem Restaurant. Von hier kann man die Attraktionen Apuliens ansteuern. Da ist zunächst die „weiße Stadt" Ostuni, direkt an der Adria, zu nennen. Hunderte von weißgetünchten Häusern ducken sich auf einem Berg unter die alles beherrschende Kathedrale, deren mächtige Rosette (24 Segmente) an die Sonne (und damit Christus) erinnert. Hier wird vor 25 000 Jahren eine 20jährige Frau kurz vor ihrer Entbindung bestattet. Die Auffindung ihrer Reste im Jahr 1991 erregt die Menschen ebenso wie bei uns der „Ötzi". Ausgestellt sind die Überreste der werdenden Mutter im Archäologischen Museum von Brindisi.
Wir fahren weiter nach Alberobello mit seinen Trulli, einst menschenunwürdige Behausungen, heute zum Teil wunderbar eingerichtete Läden, in denen von der Ansichtskarte bis zum Zinnteller Souvenirs aller Art zu haben sind. Man kann hier locker einen ganzen Tag bleiben und immer nur schauen und staunen: Schöne Restaurants und Frauen, die vor den Häuschen sticken oder stricken, Japanerinnen, die sich beim Betreten der Trulli nicht ducken müssen, alte Zecher in kunstvollen Weinlauben und die Kurzwarenhändlerin, die Fremdenführer und Bücher über Kaiser Friedrich II. feilbietet. Man kommt diesem Herrn und Herrscher und Freund der Menschen (und Mädchen) von Apulien einfach nicht aus. „In der Schule haben wir gelernt", so sagt Antonio aus Lecce, „daß er den Frieden liebte." Francesco aus Bari meint: „Dieser hat Experimente gemacht, Bücher geschrieben und gelesen und nicht alles nachgebetet, was ihm die Kirche vorschrieb." Schließlich erzählt die Fremdenführerin Brigitte im Castel del Monte: „Wir sind stolz auf ihn". Sie weist nach Andria, jener Stadt, die dem Staufer auch dann noch die Treue hält, als ihn Rom zum drittenmal exkommuniziert. Manchmal hat man den Eindruck: Die Deutschen stehen schon deswegen in hohem Ansehen, weil Friedrich II. ja einst deren König war und seine Familie aus Schwaben stammt. Und er hinterläßt ein Rätsel, das seit Jahrhunderten die Menschheit bewegt: Castel del Monte.

„Ein halbes Sterben"
Zum Mythos Puglia trägt viel der deutsche Gelehrte Ferdinand Gregorovius (*1821 Neidenburg) bei. Seine Wanderjahre in Italien werden im Land Dantes immer wieder aufgelegt. „Sein Lieblingsland", so lesen wir über Friedrich II., „war das sonnige Apulien mit seiner entzückenden Meeresweite und der breiten Küste, die sich von den Bergen niedersenkt, bedeckt mit Olivenhainen und Mandelgärten und meerwärts eingefaßt von einem Kranz schöner Städte und Hafenplätze." Und so verbindet nahezu jede Stadt irgend etwas mit dem Monarchen. „In Trani", so schreibt Gregorovius, „war es, wo sein Sohn Manfred seine zweite Gemahlin empfängt, die schöne Helena, Tochter des Despoten von Epirus." Von Brindisi fährt der Staufer ins Heilige Land. In seiner Bastion Barletta bestaunen wir die kaiserliche Büste, in Lecce seine Trutzburg. Fährt man durch dieses wunderbare Land, dann hat man den Eindruck, der Staufer beschützt noch heute sein Paradies. Der Vertreibung daraus gleicht denn auch das Einchecken im Flughafen von Bari. „Ein halbes Sterben", sage ich zur Fremdenführerin Brigitte.

Informationen:

  • Italian Step Reisen GmbH: Tel.: 089 53 61 90
  • Familie Legrottaglie: Tel.: 08124 522 22; E-mail:
  • Puglia Doc: Tel.: 0039 0832 39 88 87; E-mail:

Hinweis:

  • Über Castel del monte und Otranto erscheinen in Bälde eigene Beiträge.

Literatur zu Apulien:

  • Wolfgang Stürner: Friedrich II.

 


Rudolf Reiser
 
   
     
         
 
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